Donnerstag, 4. Dezember 2014

Blog 13: „Soul Kitchen“ – Die Bedeutung der Beziehungen zwischen den Brüdern Zinos und Illias Kazantsakis



„Soul Kitchen“ ist eine weitere Filmkomödie von Fatih Akin. Der Titel dieses Filmes weist dabei auf das sich in einer alten Fabrikhalle befindende Restaurant des Protagonisten Zinos Kazantsakis. Um zu seiner Freundin nach China ziehen zu können, überlässt Zinos schließlich seinem Bruder Illias das Restaurant. Illias Kazantsakis ist ein Häftling, der durch den ihm zugelassenen Freigang regelmäßig das „Soul Kitchen“ besucht. Um seinen Freigang erweitern zu können, überredet er seinen Bruder dazu, ihn im Restaurant anzustellen, das jedoch nur als Formalität zu belassen, da er physisch nicht tätig sein möchte. Zinos willigt ein. Nachdem Zinos jedoch einen Bandscheibenvorfall erleidet und immer mehr an der Entfernung zu seiner Freundin Nadine leidet, beschließt er das „Soul Kitchen“ zu verpachten. Es ist auffällig, dass Zinos sein Restaurant nicht verkaufen möchte, da er emotional noch ziemlich daran gebunden ist. Er hat die Halle nämlich als Ruine gekauft und mit seinen eigenen Händen wiederaufgebaut und das Restaurant errichtet. Auch auf den Druck des ehemaligen Klassenkameraden Thomas Neumann, das Grundstück ihm zu verkaufen, geht Zinos nicht ein. Schließlich sieht Zinos in Illias die letzte Hoffnung  doch nicht völlig auf sein Restaurant verzichten zu müssen. So macht er seinen Bruder mit allen Vollmachten zum neuen Geschäftsführer des „Soul Kitchen“. 


                                                
Diese Entscheidung erscheint dem Zuschauer absurd, da Illias sich noch in Haftstrafe befindet. Zudem ist Illias nicht zuverlässig. Zum einen pflegt er die Einstellung, nicht tätig sein zu wollen und zum anderen verwickelt er sich in weitere Kriminalität. So lässt er aus einem Club eine Musikanlage für das Restaurant stehlen. Des Weiteren fragt er seinen Bruder wiederholt nach Geld. Und auch nach der Übernahme des „Soul Kitchen“ erweist sich Illias als unfähig. Während einer Pokerpartie mit dem am Grundstück interessierten Thomas Neumann, verliert er 50.000 €, die er ihm auf Anhieb nicht bezahlen kann. Durch die Übergabe des Restaurants beim Notar sieht er schließlich seine Schulden bei Neumann beglichen. Zinos ist über diesen Umstand entsetzt und begibt sich mit Illias und seinen Freunden in den Raub der Dokumente aus dem Notariat, um sie zu vernichten. Es ist auffällig, dass Zinos seinem Bruder gegenüber keine Abneigung empfindet, stattdessen ein weiteres Mal eine gemeinsame Tat motiviert. Hiermit ist gemeint, dass Zinos nicht Illias allein für den Verlust über das Restaurant verantwortlich macht. Hierfür können mehrere Gründe vorgelegt werden. 

 Zum einen kennt er seinen Bruder mit allen seinen Schwächen zu gut und zum anderen überführt ihn seine Liebe zum „Soul Kitchen“ zu einem zielgerichteten Denken. So zielt Zinos nur daraufhin sein Restaurant zurück zu erhalten. Im Gegensatz zu Illias handelt Zinos meist aus dem Affekt und gefühlsgeleitet. So will er sein Geschäft aufgeben, um seiner Liebe Nadine folgen zu können. Um die Existenz seines Restaurants jedoch nicht zu gefährden, überschreibt er ihn seinem unfähigen Bruder und um den Fehltritt des Bruders rückgängig zu machen wird er fast selbst zum Kriminellen. Dabei ist es bemerkenswert, dass Zinos seinem Bruder nie wirklich Vorwürfe macht. Aber Zinos hält sich gedanklich nicht zu sehr mit dem falschen Verhalten seines Bruders auf, da es andere Prioritäten wie seine Freundin und das Restaurant in seinem Leben gibt, an die er denken und um die er sich kümmern muss. Den Tätigkeiten und den Verhaltensweisen seines Bruders begegnet er entweder aufbrausend oder zeigt gar keine Reaktion. Ein Beispiel für die aufbrausende Reaktion: Zuerst möchte er die gestohlene Musikanlage nicht in seinem Restaurant haben, doch nach wenigen Minuten steht die Anlage funktionstüchtig in seinem Geschäft. Das nächste Beispiel: Dem Scheitern Illias als Geschäftsführer begegnet er mit Stummheit. Die beiden befinden sich nach dem Brand in Zinos Wohnung in einer Pension und während Illias wegen seines Schuldbewusstseins weint und seinen Bruder Zinos um Vergebung bittet, bleibt dieser stumm und trinkt eine Flasche eines alkoholischen Getränkes aus.


Im Allgemeinen verhält sich Zinos immer sehr verantwortlich für Illias. Nach dem Raub der Dokumente beim Notar wird Zinos von der Polizei erfasst. Kurz vorher überredet er Illias dazu, davon zu rennen, da er nicht möchte, dass dieser auch erfasst wird. Bemerkenswert ist der Umstand, dass sich Illias selbst mit der Aussage „Ich gehöre dazu“ der Polizei stellt. Damit beweist er, dass er seinen Bruder nicht im Stich lässt. Illias mag in geschäftlichen Angelegenheiten versagt haben, doch als Bruder will er nicht versagen. Es ist erkennbar, dass Zinos seinen Bruder Illias stets so akzeptiert wie er ist und seine Verhaltensweisen auch stets reflektierend auf sich selbst beurteilt. Und Illias nutzt das starke Glied dieser Brüderschaft nicht bloß zu eigenen Zwecken aus. Beide haben das Bewusstsein, dass die Verbindung zueinander und die Lieben zueinander immer einen höheren Wert hat als um sich stets gegeneinander zu beurteilen und zu verurteilen. Im Film wird diese Bruderliebe oft gezeigt. Man kann einige Male Zinos und Illias sich umarmen sehen. Besonders prägend ist die Szene, in der die beiden Männer gemeinsam auf griechischer Musik tanzen. Sie sind Arm in Arm, lachen und teilen ihre Freude. Der gemeinsame, Folklore-Tanz ist der Ausdruck ihrer Herkunft, ihres gemeinsamen Ursprungs und stellt somit ihre Verbundenheit als Brüder dar.

Blog 12: „Die fetten Jahre sind vorbei“ – Zettel an der Wand: Manche Menschen ändern sich nie.




 

Der Zettel mit der Aufschrift „Manche Menschen ändern sich nie“ erscheint in der letzten Szene des Films „Die fetten Jahre sind vorbei“. Er hängt an einer kahlen Wand der leergeräumten Wohnung von Peter und Jan, die gerade von einem Polizei-Sonderkommando gestürmt wurde. Bei dem Zettel handelt es sich sowohl um eine Nachricht als auch um eine Warnung. Es ist deutlich erkennbar, dass der Inhalt des Zettels auf eine Ansprache des Lesers zielt. Im engeren Sinne gilt die Nachricht für Hardenberg und im weiten Sinne gilt sie der Elite, in der sich Hardenberg  bewegt. In Betracht der vergangenen Geschehnisse können wir sicher davon ausgehen, dass der Zettel von den drei Freunden Jan, Peter und Jule verfasst wurde. Hardenberg und Jule hatten sich bereits durch einen Autounfall kennengelernt, bei welchem sich Jule als Schuldige dem reichen Geschäftsmann verschuldete. Sie steht dadurch in tiefen finanziellen Nöten und muss sogar ihre Wohnung aufgeben. Als Jule jedoch  bei der Fahrt durch eine Vorstadt von Jan über die nächtlichen Pläne und Vorgänge mit Peter erfährt, beschließt sie Rache an Hardenberg zu nehmen. Die beiden jungen Leute begeben sich auf Hardenbergs Grundstück, das sich zufällig in derselben Gegend befindet und brechen in die Villa ein. Der Methode von Peter und Jan entsprechend verrücken sie Möbel, hinterlassen eine Nachricht und verlassen die Villa ohne einen Raub durchzuführen. Peter und Jan hinterlassen stets die Nachricht „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Sie haben zu viel Geld“ und fügen die Kennzeichnung „Die Erziehungsberechtigten“ hinzu. Ihre Absicht gilt dabei dem Ausdruck ihrer Präsenz und ihres Widerstandes gegen das kapitalistische System. So wollen sie den Vermögenden Angst einflößen und das Gewissen jedes dieser Einzelnen  ansprechen. Jule und Jan müssen sich jedoch ein weiteres Mal in die Villa begeben, um Jules Telefon zu suchen. Sie werden von Hardenberg erwischt, der wiederum von den beiden überwältigt wird. Schließlich eilt Peter zur Hilfe und die drei entführen den Geschäftsmann in die Schweiz, wo Jules Onkel eine Hütte besitzt.  Nach kurzer Zeit erfahren sie, dass Hardenberg zur APO-Generation in den 1968ern gehörte und ein Freund Dutschkes war. Er gesteht sich jedoch ein, sich mit der Zeit immer mehr dem vorherrschenden System angepasst zu haben. Daher könne er den Idealismus der drei Freunde verstehen, ihre Methode hierfür aber nicht als angemessen empfinden. Man könnte behaupten, dass Hardenberg zu diesem Zeitpunkt sehr sympathisch wirkt. In einigen Szenen wirkt er zudem nachdenklich, sodass dem Zuschauer der Gedanke aufkommt, dass die drei Freunde womöglich etwas in ihm bewegt haben. Schließlich vergewissert er ihnen, sie nicht bei der Polizei anzuzeigen und Jules Schulden zu streichen. 


 Diese Annahme wird jedoch mit der letzten Szene aufgelöst. Hardenberg hat doch die Polizei verständigt. Peter, Jan und Jule schienen sich über dies bewusst gewesen zu sein, weshalb ihre Flucht aus der Wohnung erklärt werden könnte. Jedoch bestätigt die Aufschrift an der Wand das Fortbestehen und die Präsenz der „Erziehungsberechtigten“. So könnte man auch darauf deuten, dass sie sich nie verändern bzw. nicht verändern werden. Somit erklären sie den Halt an ihre Ideale und ihr Fortbestehen. Es bleibt offen, ob sie dieselben Methoden anwenden werden oder ihren Widerstand auf anderen Wegen fortführen wollen. „Manche Menschen ändern sich nie“ kann wie oben erwähnt auch auf Hardenberg bezogen werden. Demnach wird er als derjenige bezeichnet, der nicht auf seinen Reichtum verzichtet bzw. verzichten wird. Er war derjenige, der sich von der 68er-Bewegung und seinen Idealen löste. Man könnte behaupten, dass er seinen Idealen nicht treu blieb oder nie wirklich von ihnen überzeugt war. Ich denke für Hardenberg spielt „Bequemlichkeit“ eine wichtige Rolle. Sein Reichtum schenkt ihm Bequemlichkeit, die für Außenstehende unantastbar ist. Das wird jedoch durch den Einbruch in seinen privaten Wohnsitz gestört und die Unantastbarkeit gebrochen. Da er aber wie Jule es sagt, ein „Alpha-Männchen“ ist und mehrmals die Ablehnung ihrer Methode geäußert hat, versuchte er durch den Einsatz der Polizisten seine Unantastbarkeit weiterhin zu behaupten. Indem Hardenberg sie anzeigt, beweist er, dass die Elite keine Bereitschaft zur Veränderung trägt. Solange sie sich nicht verändert, verändern sich auch Jule, Jan und Peter nicht. So gelten ihr Verschwinden und die Ungewissheit über nächste Taten als passiver Widerstand.

Freitag, 14. November 2014

Blog 11: „Kebab Connection“ – Zur Reflexion: Welche Bedeutung trägt das Schimpfwort bzw. der Kosename „Eşoleşek“?



In dem Film  „Kebab Connection“ findet die Bezeichnung „Eşoleşek“ mehrmals an Verwendung. Auffällig ist hierbei, dass dieser Ausdruck nur von Mehmet bezüglich seines Sohnes Ibrahim ausgesprochen wird. „Eşoleşek“ kommt aus dem Türkischen und bedeutet so viel wie „Sohn eines Esels“. „Eşek“ trägt hierbei mehrere Bedeutungen. Ein Esel ist charakteristisch für seine störrische Art und lässt sich zu nichts dressieren. Er hat seinen eigenen Kopf. Gleichsam wird der Esel als Arbeitstier betrachtet und gilt demnach auch als sehr arbeitstüchtig. Diese Charaktereigenschaften können auch auf eine Person übertragen werden. So wird diejenige Person als „Eşek“ bezeichnet, die entweder sehr dickköpfig ist oder die sehr fleißig, strebsam ist. Im Film nennt Mehmet Ibo viermal „Sohn eines Esels“. Dabei nimmt dieser Begriff in den einzelnen Szenen jeweils unterschiedliche Bedeutungen an. Jedoch wirkt sich die Beschimpfung bzw. der Kosename jedes Mal rückwirkend auf den Sprecher Mehmet aus. Im zuerst genannten Beispiel erfährt Mehmet, dass Ibo Titzi geschwängert hat. „Und was machst du, Sohn eines Esels? Hm? Du machst es trotzdem“. Mehmet ärgert sich, da sein Sohn trotz steter Ermahnungen eine „Ungläubige“ geschwängert hat. Die Bezeichnung „Sohn eines Esels“ wirft jedoch seine Verärgerung in ein anderes Licht. Es klingt nämlich eine Enttäuschung hervor, die aus Mehmets Glauben in der Belehrung seines Sohnes versagt zu haben, resultiert. Im zweiten Beispiel erfährt Mehmet, dass Ibo erfolgreich an einem Vorbereitungskurs für schwangere Frauen teilgenommen hat. Auch hier reagiert er mit dem Ausruf „Sohn eines Esels“. Es kann darauf gedeutet werden, dass Ibo als Dickkopf bezeichnet wird, da er sich trotz der Beschimpfungen des Vaters weiterhin an die Seite seiner schwangeren, deutschen Partnerin stellt und dies durch die Teilnahme an dem Kurs bestätigt. Doch ich kann hier auch eine gewisse Liebenswürdigkeit heraushören. Mehmet kann seinen Sohn für den Halt zur Partnerin und dem Kind loben und im selben Moment sich selbst beleidigen. In diesem Falle ist er derjenige dickköpfige Esel, der sich nicht in die Situation seines Sohnes hineindenken konnte und willkürlich handelte. Im nächsten Beispiel besucht Mehmet Ibo und beschimpft ihn, da dieser die schwangere Titzi im Stich ließ. Und auch in diesem Gespräch wirft er seinem Sohn vor ein „Eşoleşek“ zu sein. In Bezug zu Mehmet nimmt der Begriff dieses Mal die Funktion eines Komplimentes an. Ich würde behaupten, dass Mehmet seinen Sohn als einen „Besserwisser“ bezeichnet, da dieser den Widerspruch in seiner Aussage und Handlung durchschaut. Daraufhin nennt Mehmet sich selbst ein weiteres Mal „Esel“, der viel zu stur dafür ist, den Widerspruch selbst aufzulösen. Im letzten Dialog trägt die Bezeichnung „Sohn eines Esels!“ eine bedeutende Funktion. Vater und Sohn befinden sich im Krankenhaus und rauchen gemeinsam eine Zigarette. Die Männer sind ein wenig angespannt, da sich Titzi im Moment der Geburt des Kindes befindet und Ibo kurz davor steht, selbst Vater zu werden. So stellt Ibo seinem Vater die Frage, was eigentlich einen guten Vater ausmacht und erhält daraufhin die Aufforderung, das Kind und nicht den Vater danach zu fragen. Der Ausdruck „Sohn eines Esels“ bezieht sich ausschließlich auf Mehmet selbst und gar nicht auf Ibo. Mehmet nennt sich „Esel“ und gesteht sich damit ein, nicht immer ein guter Vater gewesen zu sein. Es wäre als Vater eigensinnig zu behaupten, er habe in der langwierigen Erziehung des Kindes immer richtige Entscheidungen getroffen und richtig gehandelt. Die Beurteilung des Vaters liegt am Kind selbst.  „Eşoleşek“ stellt hierbei ein Kreislauf dar: So gibt es den sturen Vater, der stets versucht seinen Sohn nach willkürlichen Aspekten zu erziehen und das Kind, das stets versucht nach dem eigenen Kopf zu agieren. Demnach kann kein Vater seinem Kind jemals gut genug sein und kein Kind kann jemals den Anforderungen des Vaters vollkommen entsprechen. Sowohl Vater als auch Sohn stellen sich immer wieder wie ein „Esel“ an.

Mittwoch, 5. November 2014

Blog 10: „Solino“ – Parallelszenen: Giancarlo und Jo auf der Filmpreisverleihung. Gigi und Ada am Strand bei Solino.


 

„The House of the Rising Sun” ist ein Lied der Band „The Animals”, das 1964 zum Hit wurde. Dieses Lied spielt für die Analyse der Parallelszenen eine wichtige Rolle, da sie die einzige Verbindung zwischen ihnen darstellt. Die Parallelszenen definieren eine Separation der bis dahin unzertrennlich wirkenden Brüder Giancarlo und Gigi. Giancarlo befindet sich in Duisburg und Gigi in Solino. Giancarlo sitzt mit Jo im Publikum der Filmpreisverleihung und Gigi sitzt allein vor der leeren Leinwand im erwerbslosen Freilichtkino. Während die Atmosphäre in der Preisverleihung sehr freudig, amüsant, hektisch und laut erscheint, wirkt sie im Freilichtkino abgestumpft, einsam und stumm. Die äußere Atmosphäre der Brüder bringt dabei ihr inneres Befinden zum Vorschein. 


Giancarlo, die dominante Bruderfigur, erlebt hierbei einen inneren Sturm. Er hat sich dagegen entschieden nach Solino zu gehen und sich um die Mutter zu kümmern, wohl wissend, dass Gigi als der Produzent des nominierten Filmes an der Preisverleihung hätte teilnehmen sollen. Ihn zerrt der Wunsch nach der Befugnis über die Position seines Bruders und die Begehrung seiner Freundin Jo zum Betrug von Gigi. Die darauf folgende Szene stellt dahingegen den im Stich gelassenen, betrogenen Gigi dar. Der leere Kinosaal und die verstummte Leinwand deuten auf den Einhalt des aktiven Teilnehmens Gigis in seiner Leidenschaft – dem Einhalt in seiner Karriere als Filmemacher. Gigi ist in Solino stecken geblieben. Das trägt die Bedeutung, dass er einen retardierenden Moment erleidet, der ihn in seiner Fähigkeit zum Produzieren von Filmen rückfallen lässt. Er wirkt hoffnungslos und hilflos zugleich. Dahingegen schwebt Giancarlo auf einen Höhepunkt zu.



Den ersten Preis erhält Gigis Film und Giancarlo füllt die Abwesenheit seines Bruders, indem er den Preis entgegennimmt, dabei sich aber nicht als dessen Bruder zu erkennen gibt. Dementsprechend schenken ihm Presseleute und Filmemacher durch Gratulation und Lob im Glauben er sei Gigi Aufmerksamkeit. Das Lied „The House of the Rising Sun“ wird in der Szene mit Giancarlo nur im Hintergrund instrumental abgespielt, während es auf Italienisch von Gigi und seinen Freunden am Strand bei Solino gesungen wird. „La casa del sole“ ist dem Liedtext entsprechend ein ruiniertes Haus, wonach sich der Sänger, der sich als armen Jungen bezeichnet, sehnt. Zudem wird im Liedtext erwähnt, dass die Mutter ihren Kindern erzählen soll, nicht das zu tun was sie tat, stattdessen sollen sie in Sünde und Elend im „casa del sole“ leben. Schließlich wird gesungen, dass der Sänger zu diesem Haus zurückkehrt, um sich daran anzuketten. Das dieses Lied nur in der Szene mit Gigi in Solino gesungen wird ist sehr bemerkenswert. Denn es spiegelt Gigis Umstand dar. Wie die Figur im Lied, entscheidet sich auch Gigi nach Solino dem „casa del sole“ zurückzukehren, obwohl er kaum Karrieremöglichkeiten  hat. „Feuer und Leidenschaft“ ist dabei das Lebensmotto an dem er sich festhält.  Im Moment, indem er das Lied mit Ada singt, belebt er die Hoffnung in sich in Zufriedenheit zu leben und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. So sieht er seinen Bruder erst nach zehn Jahren wieder. Die Umarmung der Brüder am Ende des Films stellt eine Versöhnung dar. Dabei scheint Gigi Giancarlo verziehen zu haben. Der Grund hierfür liegt erklärt in seinem Lebensmotto „Feuer und Leidenschaft“. Gigi hat trotz schlechten Karrieremöglichkeiten einen weiteren Kurzfilm gedreht, den er im neu aufgebauten Freilichtkino den Solino-Bewohnern vorstellt. Gigis Leidenschaft liegt hierbei nicht im Ruhm, den er durch die Veröffentlichung seiner Filme erhofft, sondern in der Tätigkeit und der Liebe zum Film allein. Dass das Lied am Strand von Solino gesungen wird, gerade in dem Moment, in dem die Sonne aufgeht, deutet auf diese Leidenschaft. 


Freitag, 31. Oktober 2014

Blog 9: „Der bewegte Mann“ – Wie wird die Homosexualität im Film dargestellt?


„Der bewegte Mann“ ist eine Komödie von Sönke Wortmann, die im Jahre 1994 erschien. In dem Film handelt es sich vor allem um die beiden Männer Axel und Norbert. Axel hat zum wiederholten Mal seine Freundin Doro betrogen und wird daraufhin aus der Wohnung heraus geschmissen. Einen Unterschlupf findet er schließlich beim homosexuellen Norbert, dieser wiederum ist von Axel angetan. Axel leidet unter der Trennung von Doro, doch er glaubt nicht an eine Versöhnung. Als er mit Norbert das letzte Mal die gemeinsame Wohnung aufsucht, um seine Sachen abzuholen, erwischt Doro den nackten Norbert im Kleiderschrank. Denn fälschlicherweise glaubte Norbert bei Axel auf Zuneigung zu treffen, doch dass dies nicht der Fall ist wird früh geklärt und auch Doro kann Axel wieder verzeihen. Da Doro ein Kind erwartet, entscheidet sich das Paar zu heiraten. Als Axel jedoch einer seiner attraktiven Ex-Freundinnen trifft, spielt er mit dem Gedanken die hochschwangere Doro abermals zu betrügen. Norbert  stellt ihm hierzu seine Wohnung zur Verfügung. Doch Doro kommt Axel auf die Fersen und findet ihn groteskerweise regungslos und nackt auf dem Wohnzimmertisch sitzend. Elke hatte auf diesem zuvor ein Zuchtbullen-Spray zur Steigerung des Geschlechtertriebes angewendet, der ihn jedoch zur völligen Regungslosigkeit versetzte. Im selben Moment beginnen bei Doro die Wehen und Norbert bringt sie ins Krankenhaus. Am nächsten Morgen wird die frischgebackene Mutter von Axel besucht, den sie jedoch zurückweist. Es bleibt offen, ob Doro Axel verzeiht. 

 
Liest man sich diese Inhaltsangabe durch, so könnte man behaupten, dass es in dieser Komödie um eine typische On-Off Beziehung handelt, die durch den untreuen Axel an keine feste Gebundenheit herankommt, auch nicht durch die Heirat. Demnach ist sowohl das Thema, als auch die Darstellung von Axel und Doro bekannte Typisierungen. Ein groteskes Gegenstück zu Axel stellt Norbert und seine Umgebung dar. Norbert und sein enger Freund Walter sind homosexuell und verbringen ihre Freizeit auf Partys, die sie als Frauen verkleidet besuchen. Vor allem Norbert fühlt sich von Axel angezogen, aber er leidet darunter, dass Axel heterosexuell ist und kein Interesse an ihm zeigt. Trotzdem stellt er sich stets als Stütze und Hilfe für ihn dar, sodass bald Axel in Norbert einen treuen Freund findet. Es ist auffällig, dass die Homosexualität in dem Film als ein völlig normaler und dazugehöriger Teil der Gesellschaft dargestellt wird: Walter besucht eine Männergruppe, Norbert hat einen normalen Job und wohnt in einer relativ guten Wohnung, die Männer tragen normale Klamotten, gehen ins Kino etc. Ich denke, dass dieser Umstand besonders im Titel wiedergegeben wird. Meiner Meinung nach deutet der Titel „Der bewegte Mann“ auf Axel. Axel ist derjenige, der sich völlig unbeirrt und ungehemmt zwischen den homosexuellen Männern bewegt. Durch das stete Hin- und Hergehen zwischen der homosexuell und der heterosexuell geprägten Umgebung bringt er erst die Normalität der Homosexualität zum Ausdruck. Sein Befinden in der schwulen Männer-Gruppe verursacht jedoch die Bewegung eines weiteren Mannes. So  kann ich auch Norbert als den „bewegten Mann“ bezeichnen, da er als einziger im Film charakteristisch ist. Er ist ein sehr emotionaler, Empathie empfindender und menschlicher Mann, dessen Gefühle einsehbar und Handlungen nachvollziehbar sind. Im Gegensatz zu ihm ist Axel sehr vereinfacht und in seinem Charakter oberflächlich dargestellt. Ich finde, dass dieser Kontrast wiederum die Harmonie zwischen Homosexualität und Heterosexualität aufhebt. Die besondere Fixierung auf den schwulen Norbert, das Befinden Axels als Einziger in der schwulen Gruppe und die mehrfache Ablehnung dieser durch Doro (Schrank-Szene; Hochzeits-Szene; Wehen-Szene) deuten auf die Abgrenzung zu einer Fremdgruppe. Zwar hebt Doro diesen Gedanken später auf, doch ist es nicht außer Acht zu lassen, dass die Abweichung von Anderen auf die Etablierung einer Norm beabsichtigt. Demnach gibt es auch Züge im Film, in denen man die Dominanz der Heteronormativität erkennt. Die letztendliche Komik mag womöglich im letzten Abschnitt des Filmes liegen. Nachdem Axel von Doro aus dem Krankenzimmer gewiesen wird, findet er Trost bei Norbert. Die beiden Männer laufen nebeneinander und miteinander scherzend den Flur entlang. Sie entfernen sich vom Krankenhaus, da sie gemeinsam frühstücken möchten. Dieses Ende ist an sich nicht witzig, aber es befindet sich eine gewisse Ironie darin. Das Weglaufen der beiden Männer deutet hier wieder auf den Titel „Der bewegte Mann“. Axel entfernt sich dabei an der Seite von Norbert von Doro und seinem Sohn. Das wirkt wie eine Abwendung zu seiner Familie und eine Hinwendung zur Homosexualität. Aus dem Dialog der beiden Männer kann man erfassen, dass dies nicht der Fall ist, wodurch die Ironie zum Vorschein tritt. Ich denke es steckt die Polemik dahinter, die meint, dass Homo- und Heterosexualität in der Gesellschaft sehr gut nebeneinander stehen und miteinander wirken kann.