Dienstag, 30. September 2014

Blog 5: „Das Wunder von Bern“ - Was symbolisiert dieses „Wunder“ und welche Bedeutung trägt sie für Deutschland?



Herbert Zimmermann: „Ich glaube, auch Fußball-Laien sollten ein Herz haben und sollten sich an der Begeisterung unserer Mannschaft und an unserer eigenen Begeisterung mitfreuen und sollten jetzt Daumen halten.“[1]

 
Das sind Zimmermanns Worte während der Reportage des WM-Finales am 04.07.1954 in Bern. Zu diesem Zeitpunkt stand die deutsche Nationalmannschaft gegen die aus Ungarn auf dem Feld. Und an diesem Tag gewann Deutschland ihren ersten WM-Sieg und brandmarkte diesen wohl auch zum bedeutendsten ihrer folgenden Siege. Das Ereignis am 04.07.1954 wird als „Das Wunder von Bern“ bezeichnet und folgt damit ganz den Worten Zimmermanns: „das ist eine Riesen-Sensation – das ist ein echtes Fußball-Wunder“. Der gleichnamige Film „Das Wunder von Bern“ stellt dieses Fußballereignis in den Mittelpunkt seiner Handlung, jedoch bezieht sich die umfassende Thematik des Films nicht bloß auf das „Fußball-Wunder“. Die Hauptrolle übernimmt der elfjährige Mattes (Matthias Lubanski), der mit seiner Mutter und seinen beiden älteren Geschwistern zusammenlebt. Nach elf Jahren Kriegsgefangenschaft in Russland kehrt auch endlich sein Vater nach Hause zurück, ein Mann, den er jedoch zuvor nicht kannte. So ist das Verhältnis zwischen Vater und Sohn zunächst eher distanziert, entwickelt sich aber später liebevoll. Mattes ist Helmut Rahns - ein Spieler der Fußball-Nationalmannschaft - Taschenträger und ein riesen Fußball-Fan. Rahn bezeichnet Mattes als sein Maskottchen und erklärt, dass er wichtige Spiele nur in seiner Gegenwart gewinnt. So überrascht Peter Lubanski am Final-Tag seinen Sohn Mattes und fährt ihn nach Bern zum Weltmeisterschafts-Finale.  Rahn erblickt Mattes im Publikum und schießt kurz darauf das Tor zum Sieg.
Das oben aufgeführte Zitat Zimmermanns stellt eine Differenzierung zwischen einer Begeisterung der Fußball-Mannschaft und einer Begeisterung ihrer selbst d.h. allen deutschen Mitfiebernden dar. Eine solche Differenzierung kann man auf die gesamte Handlung des Films übertragen. So unterscheidet man zwischen den Geschehnissen innerhalb der Privatfamilie Lubanski und den Ereignissen, die die National-Elf während der WM erlebt. Doch ist es möglich Verknüpfungen innerhalb der Entwicklung des Familienlebens, der Fußball-Spiele und einem historischen Kontext herzustellen. Demnach holt „Das Wunder von Bern“ nicht bloß innerhalb der deutschen Nationalmannschaft  Begeisterung auf, sie symbolisiert gleichfalls die geteilte Begeisterung der ganzen deutschen Bevölkerung. Dadurch wird das „Wunder von Bern“ zu einem Wunder für ganz Deutschland. Denn diese geteilte Begeisterung übertrifft das erste Mal nach der „Stunde Null“ alle in den letzten Jahren erlebten Erfahrungen  und das gewohnte Gefühl der Zertrümmerung, Verlust, Untergebenheit, Zerteilung etc. In der Familie Lubanski wird das gegenwärtige Leben nach dem Krieg sehr gut dargestellt. Die Familie ist zersplittert. Die Mutter führt alleine eine Gaststätte, um die Familie zu ernähren. Sie hat schon lange den Vater ersetzten müssen, da dieser sich in Russland in Kriegsgefangenschaft befindet. Kaum ist der Vater da, fällt es den Kindern schwer ihm wieder einen festen Platz in der Familie zu geben, vor allem gefällt ihnen seine veraltete Erziehung nicht, die womöglich auf typischen Disziplinierungsmethoden der nationalsozialistischen Zeit beruhen. So stellt Peter Lubanski die Maxime auf: „Ein deutscher Junge weint nicht!“. 


Des Weiteren herrscht Arbeitslosigkeit im Land, von welcher der ältere Sohn Bruno ebenso betroffen ist. Dieser teilt stattdessen seine Aktivitäten als KPD-Anhänger und entscheidet sich schließlich nach Ostdeutschland zu ziehen. Kurz vor seiner Abreise gibt er seinem zu Hausarrest verteilten jüngeren Bruder Mattes ein Radio und verfolgt gemeinsam mit ihm das Fußball-Spiel. Auch in Ost-Berlin schaut er sich das Final-Spiel mit seinen Partei-Freunden an. Die Begeisterung für das WM-Spiel der deutschen Mannschaft stellt demnach ein Objekt dar, das von Menschen aus allen Entfernungen geteilt wird. Sie bringt die Menschen aber auch zusammen, weshalb in der Gaststätte der Lubanskis volles Haus herrscht und die Straßen vollkommen leer sind. Das WM-Thema ist eine Ablenkung aus der gegenwärtigen Situation. Sogar der Pfarrer in der Kirche ist von den Fußball-Spielen erfasst und bringt seine Freude deutlich zum Vorschein. „Das Wunder von Bern“ bedeutet nicht nur das Teilen von Freude, Leidenschaft und Elan für die eigene Mannschaft, es ist der Prozess des insgeheimen Wohlgefallens an der gemeinsamen Begeisterung d.h. des Gefühls des „Wir-Werden-Wer“. Vielleicht ist das die Erklärung für Zimmermanns Ausspruch: „an unserer eigenen Begeisterung mitfreuen“. 
 
Diese Erkenntnis bringt Hoffnung hervor. Eine Hoffnung, die man zunächst nur in der Vorbilds-Funktion der deutschen Nationalmannschaft zu erkennen glaubt. Denn sie ist im Gegensatz zum Volk bereits ein funktionierendes Team. Das Wunder, dass die deutsche National-Elf vollbracht hat, mag für viele als übernatürlich wirken, ist es aber nicht. Und ich möchte mich auch an dieser Stelle an eines von Zimmermanns Kommentaren beziehen: „Ein Wunder, das allerdings auf natürliche Weise zustande kam, und das wir dem Verstand unserer Spieler und der Vollkommenheit ihres Spiels verdanken"[2]. Demnach liegt das Wunder allein in der Hand des Menschen. Es gibt Nichts, das der Mensch nicht ohne seinen Verstand und seiner eigenen Leibeskraft vollbringen kann. „Das Wunder von Bern“ stellt einen mentalen Aufbruch zum kollektiven Handeln und der gemeinsamen Verarbeitung der Vergangenheit dar. Hierzu stellt sie besonders den Prozess des Verzeihens in den Vordergrund. Dieser Umstand spiegelt sich auch in der Familie Lubanski wieder. Mattes und Bruno erteilen ihrem Vater Vergebung. So teilt Bruno seinem Vater in seinem Brief mit, dass sie ihn immer besuchen können. Das zeigt, dass sich Bruno seiner Familie nicht entzogen hat und seinem Vater verzeihen kann. Auch Mattes empfindet Mitleid für seinen Vater und gibt ihm Trost, wenn er sagt: „Auch ein großer deutscher Junge weint!“. Er richtete seinen Vater auf. Das ist sehr symbolisch für die Gesamtsituation Deutschlands. „Das Wunder von Bern“ ist der Impuls zur Aufrichtung des Vaterlandes. Es stellt somit die Hoffnung zur Neuorientierung und Überwindung der Vergangenheit dar.

Dienstag, 23. September 2014

Blog 4: "Der Vorleser" - Was symbolisieren Hanna Schmitz und Michael Berg?

„Ende Juni wurde das Urteil verkündet. Hanna bekam lebenslänglich“. 
 Hanna bekam eine lebenslängliche Haftstrafe für die bewusste Unterlassung der Befreiung der Frauen aus der brennenden Kirche, was sie selbst mit der Unterzeichnung des Berichts zu bestätigen vorgab. Es ist hierbei nicht außer Acht zu lassen, dass Hanna die ihr vorgeworfene Anschuldigung nicht als Alleintäterin vollbracht hat. Hanna hat den anderen Aufseherinnen nicht vorgeschrieben die Türen der Kirche zu verschließen. Hanna konnte die anderen Aufseherinnen gar nicht bevormunden, denn sie kann nicht einmal sich selbst bevormunden. Die Anerkennung der Anschuldigung ist der Ausdruck ihrer Unmündigkeit, die sie sich selbst verschuldet. Der Grund: Sie kann nicht lesen und nicht schreiben. Hanna ist Analphabetin. Und diesen Umstand erfasst Michael erst im Gericht. Daraufhin tauchen sehr viele Fragen in Michaels Gedanken auf: Soll er das Gericht über Hannas Analphabetismus aufklären? Warum entscheidet sie sich selbst nicht zu diesem Schritt? Will er ihr überhaupt wirklich helfen? Verdient sie diese Strafe? ...
Ich denke, man muss zunächst Michaels Schweigen zu Hannas Analphabetismus verstehen, um daraufhin eine eigene Position einnehmen zu können. Das Schweigen ist eine Handlung, die Michael bewusst vollzieht. Ich möchte die Begriffe „Handeln“, „Entscheiden“ und „Denken“ erwähnen und auf eine wichtige Aussage Michaels Aufmerksam machen:
„ Aber das Handeln vollzieht nicht einfach, was davor gedacht und entschieden wurde. Es hat seine eigene Quelle und ist auf ebenso eigenständige Weise mein Handeln, wie mein Denken mein Denken ist und mein Entscheiden mein Entscheiden.“  (S. 22)
Denken, Entscheiden und Handeln haben nach Michael ihre eigene Quelle und müssen nicht aufeinander abgestimmt sein. Betrachte ich diese Begriffe in Bezug zu Michaels Verhalten näher, so kann ich mir sein Schweigen zu Hannas lebenslänglicher Haftstrafe erklären. Michael denkt zunächst daran, ihre Haftstrafe durch die Aussprache ihres Analphabetismus zu mildern. Jedoch denkt er ebenso an Hannas Passivität – „sie sprach nicht von sich aus“. So gelangt Michael in ein Dilemma und sucht Rat beim Richter und seinem Vater. Diese können ihn aber auf seinem Weg zu einer Entscheidung nicht helfen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich Michael in einem Dilemma zwischen Gesetz und Moral befindet, die sich in den beiden genannten Figuren Richter und Vater als Philosoph spiegeln. Hierbei verlangt die Instanz der Moral das Verstehen und die Instanz des Gesetzes das Verurteilen. Das Dilemma liegt nun darin, dass sich Michael nicht beiden gleichzeitig stellen kann. Man kann versuchen zu verstehen, dass es Hannas Verpflichtung war die Gefangenen unter Kontrolle zu halten, doch gleichzeitig muss man verurteilen, dass ihr Handeln ein Verbrechen ist. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass Michael meiner Meinung nach keine bewusste Entscheidung trifft. Seine Unentschlossenheit äußert sich im Schweigen: das Schweigen zu ihrem Analphabetismus als Ausdruck der Verständnislosigkeit zu ihrem Verbrechen und das Schweigen zum Gericht als Zeichen der Verurteilung seiner selbst zu Scham. Es sollte hierbei auf letzteres näher eingegangen werden. Dazu möchte ich die Begriffe Kollektivschuld und Generationskonflikt einführen. Analphabetismus ist keine Entschuldigung zur Begehung eines Verbrechens wie es in Hannas Fall vorgekommen ist. Es ist nicht die Unfähigkeit für das Lesen und das Schreiben, das dazu führt, Menschen in einer brennenden Kirche verschlossen zu lassen. Es hätte das Gewissen allein gelangt. Hierin wird die Thematik „Kollektivschuld“ zum Ausdruck gebracht. Es ist zudem bemerkbar, dass sich Hanna erst im Gefängnis mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. Dadurch bricht sie ihre Unmündigkeit und konfrontiert sich mit ihrem Verbrechen. Man kann sich nun die Frage stellen, weshalb sie das nicht schon zuvor getan hat. Eben dieser Punkt wird kritisiert. Warum konnte man sich nicht mit all dem Schrecklichen, das während der nationalsozialistischen Herrschaft passiert ist, bereits vorher konfrontieren oder es hinterfragen? Die Studenten aus Michaels Generation verurteilen diese Gewissenslosigkeit laut. Doch Michael schweigt, denn er leidet passiv an diesem Scham – der Scham als Ausdruck des Versagens. So versagt Michael, indem er kein Rückgrat zur Beziehung zu Hanna zeigt, d.h. er kann nicht zu ihr stehen, da er sich im Bewusstsein ist eine Verbrecherin geliebt zu haben. Das ist beschämend. Das Gesetz hat versagt, da es das Dritte Reich nicht vorher verurteilt und noch lange nicht alle Verantwortlichen des Grauens bloßgestellt hat. Das ist ebenso beschämend, vor allem im Hinblick darauf, dass er selbst Jura studiert. Michael kann sich selbst nicht gerecht werden – und so schweigt er. Das Schweigen Michaels symbolisiert die endlose Debatte um die Aufarbeitung der frühen deutschen Geschichte mit den Begriffen „Kollektivschuld“ und „Generationskonflikt“. Können sich diese Begriffe jeweils gerecht werden oder muss man sie immer in Abhängigkeit zueinander sehen? Moral oder Gesetz? Liebe oder Selbstzufriedenheit?
Ich kann Michaels Dilemma vollkommen nachvollziehen und kann sein Schweigen zu Hannas Analphabetismus vor dem Gericht nachvollziehen. Sein Gerechtigkeitsgefühl verurteilt Hanna, doch sein Gewissen und das Bewusstsein über die Verantwortung einer vergangenen Beziehung bringt Empathie hervor. Das ist vielleicht ein Grund für die Aufnahme der Kassetten. Ich glaube ich hätte an Michaels Stelle auch geschwiegen, aber an Hannas Stelle nicht.

Freitag, 19. September 2014

Blog 3: "Der Vorleser" - Meine Betrachtung der Beziehung zwischen Hanna Schmitz und Michael Berg


Hanna ist 36 Jahre alt. Michael ist 15.
„Wir könnten als Mutter und Sohn ein gemeinsames Zimmer nehmen und die ganze Nacht zusammenbleiben“. Dieser Satz stammt aus dem Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink und stammt vom Ich-Erzähler Michael Berg. Und nach meiner Meinung liefert er bereits sehr viele Anhaltspunkte zur Beziehung zwischen den beiden Protagonisten Michael Berg und Hanna Schmitz. Das Modalverb „könnten“ deutet auf die Möglichkeit, dass das Liebespaar Hanna und Michael erst in der Rolle als Mutter und Sohn in der Gesellschaft auftreten können – d.h. gemeinsam auftreten können. Sie können sich auch nur auf diese Weise erlauben „ein gemeinsames Zimmer zu nehmen“. Es wird deutlich, dass die Darstellung ihrer selbst als Mutter und Sohn eine Tarnung darstellt, die als Zweck zur Erfüllung des Wunsches die Nacht gemeinsam verbringen zu können, genutzt wird.
Hanna ist 36 Jahre alt. Michael ist 15. Demnach versucht Michael wohl den Altersunterschied zwischen ihnen zu tarnen. Es sollte zudem nicht außer Acht gelassen werden, dass Michael minderjährig ist. Für ihn ist der oben genannte Vorschlag demnach notwendig. Ihm scheint bewusst zu sein, dass die Beziehung mit Hanna in der Gesellschaft nicht auf Akzeptanz stoßen wird. Für mich persönlich wirkt diese Beziehung zwar möglich, aber nicht langanhaltend. Demnach betrachte ich ihre Beziehung und dessen Erhaltung über einen bestimmten Moment hinaus. Dabei spielt meiner Meinung nach das Alter an sich eine kleine Rolle. Ich sehe die Komplikationen, die diese Beziehung über einen längeren Zeitraum hinaus mit sich bringen könnte, in der Persönlichkeitsentwicklung Michaels. Demnach ist die Beziehung zwischen Hanna und Michael nichts Schlimmes, aber in Bezug zu Michael nicht unbedingt etwas Gutes. Natürlich erlebtt Michael Urmomente mit Hanna, die sein ganzes Leben prägen, aber es wird wahrscheinlich ein Zeitpunkt aufkommen, indem er glauben wird, etwas verpasst zu haben. So beispielsweise das Zusammensein mit seinen Klassenkameraden im Schwimmbad oder Erfahrungen mit gleichaltrigen Mädchen. Ein wichtiger Punkt ist dabei das Fällen von Entscheidungen. Michael erwähnt, dass er durch Hanna ein viel sicherer Mensch geworden ist und dadurch glücklicherweise die Versetzung in die nächste Stufe schafft. Doch trifft er seine Entscheidungen um Hannas Willen. Im Roman ist es einige Male erkennbar, dass sich Michael Hanna unterordnet. Es kommt ihm sonst der Gedanke auf, er könnte sie für immer verlieren. Doch was ist es, das ihn zu diesem Handeln führt? Ist es Liebe? Ich denke er pflegt keine wahre Liebe, aber eine Abhängigkeit von ihr. Diese Abhängigkeit basiert, wie er selbst bereits erwähnt, auf ihrer Haltung. Ich gebe ihm hierbei Recht, doch fasse ich unter dem Begriff „Haltung“ mehrere Komponenten zusammen. Es ist zum einen ihre mütterliche Haltung, die in ihm eine Geborgenheit hervorruft. Beispielsweise wenn sie ihn wäscht oder ihn nach seinen Schularbeiten zurechtweist. Aus dieser mütterlichen Haltung geht Hanna jedoch in eine neue ein, wenn sie beisammen sind. Die bekannte Geborgenheit einer Mutter löst sich auf und er erlebt mit Hanna ihm zuvor Unbekanntes. Dieser als positiv erlebte Urmoment führt ebenso zu einer Abhängigkeit. Die Körperhaltung, die Hanna mit den Beschreibungen „langsam und konzentriert“ darlegt, deutet auf eine Beherrschtheit, auf ihre innere Fassung. Das wirkt wiederum ambivalent zu den zuvor beschriebenen Haltungen ihrer Personen. Ich denke aber, dass gerade diese innere Fassung einen Kontrast zu Michael darstellt. Michael ist unsicher und macht sich unbewusst die Haltung Hannas zum Vorbild. Dabei genießt er die Zeit mit ihr und geht nur von momentanem Glück aus. Er drückt schließlich selbst aus, dass er nie an eine Zukunft, Ehe und Familie mit Hanna gedacht hatte. Meiner Meinung nach ist die Beziehung mit Hanna nur ein Meilensteilen seiner Persönlichkeitsentwicklung. Denn Michael verändert sich tatsächlich. Michael verändert sich, indem er zunächst schweigt und wie betäubt ist. Es mag ihn sicherlich sehr zerrüttet haben, dass Hanna plötzlich verschwunden ist, doch liegt der Grund hierbei nicht am Entzug der Liebe, sondern am Entzug von Erklärungen. Sie erklärt nicht, warum sie geht. Sie erklärt nicht, warum sie ihn für sich vorlesen lassen hat. Sie erklärt nicht, warum sie mehr über sich und ihr Leben preisgegeben hat. Sie erklärt nicht, was er für sie bedeutet. Hanna bricht ihre Beherrschung nicht. Ich denke im Laufe des Romans, löst sich Michael aus ihrem Bann. Erkennbar ist das an der Entscheidung sich selbst als schuldig zu erklären. Es ist sein eigener Wille, der ihn zum Schuldigen erklärt, denn er hat eine Verbrecherin geliebt.
Für Hanna ändert sich das Bild zu Michael ihr Leben lang nicht. Michael bleibt das „Jungchen“. Ihr Selbstmord ist womöglich das Eingeständnis ihrer Schuld, doch wissen wir nicht, ob sie diesen Schritt wagt, da Michael Rechenschaft von ihr erwartet. Sie macht das womöglich nicht seiner Liebe Willen. Zudem verfasst sie einen Brief, indem sie ihn nur grüßt. Es ist kein Abschied – es ist ein Gruß. Hieran kann man erkennen, dass Hanna ihre Unberechenbarkeit beibehalten hat, denn ein Gruß deutet auf das Zugehen auf eine Person. Klingt es nicht schon fast wie eine Herausforderung? Erwartet sie von ihm nun auch eine Rechenschaft für seine Schuld?

Freitag, 5. September 2014

Blog 2: „Das Schreckliche Mädchen“


Stellt man mir die Frage „Wer hat die Hauptrolle in dem Film?“, so würde ich antworten: Es gibt zwei Hauptrollen. Eine dieser Rollen kann ich natürlich Sonya zuweisen. Die andere möchte ich allgemein den Pfilzinger Bewohnern zuweisen. Und würde man mich als nächstes Fragen „Wie kann man diese Hauptrollen charakterisieren?“, dann würde ich auf folgende Weise antworten: Sonya ist natürlich ein Glied der Pfilzinger Bewohner. Trotzdem betrachte ich sie den anderen Pfilzingern gegenübergestellt. Charakter und Verhalten lassen keine Eingliederung ihrer Person in die Rolle einer gewöhnlichen Bewohnerin in Pfilzingen  zu. Dabei zeichnet sich Sonya zunächst nicht bloß durch den 1. Platz im Aufsatzwettbewerb aus. Sonya ist eine selbstbewusste, intelligente und zielstrebige junge Frau, die mit ihrer Eigenart die neue Generation mit ihren neuen Gedanken darstellt. Sie verkörpert das neue Bild der Frau, die nicht bloß Mutter und Hausfrau sein muss. Sie verkörpert das neue Bild des Studenten, der in seinen Recherchen selbstständig und in seinen Gedanken unabhängig sein darf. Ja, ich betrachte sie den anderen Pfilzingern gegenübergestellt. Aber nicht weil sie ein Teil dessen ist, was sich den Vorschriften der Kirche, Norm und alten Sitten entgegenstellt.
In meinen Augen ist Sonya eine Rebellin. In den Augen der Pfilzinger ist sie ebenso eine Rebellin, weshalb sie sich ihr gegenüberstellen. Sie möchten eine Umwälzung des Gewohnten nicht zulassen. Sonya, die nach Informationen zur Vergangenheit der Stadt Pfilzingen im dritten Reich sucht, ist ein Störfaktor ihres Schweigens. Das Schweigen über die Vergangenheit bedeutet für die Pfilzinger die Vermeidung einer Konfrontation mit ihr. Welcher Mensch geht denn gerne auf Konfrontationen ein, die doch nur Unannehmlichkeiten und Ungemütlichkeiten hervorholen. Also stellt man sich Sonya eben in den Weg. Man beschimpft, bedroht und verklagt sie, die Rebellin. In meinen Augen ist Sonya auch eine Rebellin. Aber ich bestaune ihren Mut, ihre Willenskraft zur Umwälzung des Schweigens der Pfilzinger. Ich bestaune sie vor allem um die Beständigkeit ihrer Auflehnung. Sonya beschäftigt sich seit ihrer Jungend bis hin zur Entwicklung einer erwachsenen Frau mit diesem Thema. Ihre Rebellion und dessen Beständigkeit drückt sich aber auch vor allem nach der scheinbaren Anerkennung und Ehrung ihrer Arbeit bei den Pfilzingern aus. Sie verweigert ihre Ehrung durch die Pfilzinger und bricht ein weiteres Mal ein Bild, das man auf sie projiziert. Nun fragt man mich „Welches Bild projiziert man auf sie?“ und ich sage: Sie ist eine Heldin, die die Pfilzinger aus ihrer Vergangenheit reingewaschen hat. Dank ihr  haben sie die erste Konfrontation mit der Vergangenheit gemeistert. Anerkannt wird sie dabei nur von denjenigen, die unbeschadet geblieben sind. Also können die Pfilzinger nun ruhiger Seele wieder schweigen. Doch dieses Bild bricht Sonya in den letzten Szenen des Films. Sie möchte nicht schweigen. Schweigen ist das Vergraben all ihrer Arbeit, Schweigen wird zur Gewohnheit, Schweigen lässt vergessen. Die Rebellion Sonyas ist nicht der Weckruf des schlafenden Hundes, der verborgenen Vergangenheit, es ist ein Weckruf an die Menschheit. In meinen Augen ist und bleibt Sonya eine Rebellin, die eine geistige Umwälzung anstrebt. Die Vergangenheit bleibt vergangen, aber Ereignisse und ihre Folgen sind unabsehbar und unumgänglich. Die Frage, die ich an dieser Stelle stellen möchte lautet: Weshalb weckt man einen schlafenden Hund? Ich denke man weckt ihn nicht grundlos. Es gibt einen Zweck, den man dadurch erfüllen möchte. So sollte man sich die Vergangenheit vor Augen führen, solange man weiß, dass man einen Zweck damit erfüllen möchte. So beispielsweise sie nicht zu vergessen, sie zu verarbeiten und sie aufzuarbeiten.
Ich persönlich finde das Verhalten Sonyas beachtenswert. Den Mut, den sie aufbringt, um sich mit der Vergangenheit einer Generation zu beschäftigen, die sie selbst direkt gar nicht betrifft, könnte ich wahrscheinlich nicht aufbringen. Das zeigt jedoch, dass es ihr tatsächlich um den Prozess der Verarbeitung und Aufarbeitung geht, die nicht nur Zeitgenossen der vergangenen Ereignisse betreffen sollte, sondern auch jüngere Generationen. Denn diese soll aus der Vergangenheit lernen und die Wiederholung von grauenvollen Taten vermeiden.
Jetzt liegt es in unserer Hand!

Ich möchte noch einmal auf die Beziehung Sonyas zu den Pfilzinger Bewohnern eingehen und euch Leser auf ein Buch aufmerksam machen. Ich habe mich an die tragische Komödie „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt erinnert. Hierin kann man sehr gut die Entwicklung der Beziehung zwischen den Bewohnern einer Stadt und eines seiner Mitglieder erkennen. Aber mehr sollte ich nicht darauf eingehen. Lest es selbst!