Freitag, 31. Oktober 2014

Blog 9: „Der bewegte Mann“ – Wie wird die Homosexualität im Film dargestellt?


„Der bewegte Mann“ ist eine Komödie von Sönke Wortmann, die im Jahre 1994 erschien. In dem Film handelt es sich vor allem um die beiden Männer Axel und Norbert. Axel hat zum wiederholten Mal seine Freundin Doro betrogen und wird daraufhin aus der Wohnung heraus geschmissen. Einen Unterschlupf findet er schließlich beim homosexuellen Norbert, dieser wiederum ist von Axel angetan. Axel leidet unter der Trennung von Doro, doch er glaubt nicht an eine Versöhnung. Als er mit Norbert das letzte Mal die gemeinsame Wohnung aufsucht, um seine Sachen abzuholen, erwischt Doro den nackten Norbert im Kleiderschrank. Denn fälschlicherweise glaubte Norbert bei Axel auf Zuneigung zu treffen, doch dass dies nicht der Fall ist wird früh geklärt und auch Doro kann Axel wieder verzeihen. Da Doro ein Kind erwartet, entscheidet sich das Paar zu heiraten. Als Axel jedoch einer seiner attraktiven Ex-Freundinnen trifft, spielt er mit dem Gedanken die hochschwangere Doro abermals zu betrügen. Norbert  stellt ihm hierzu seine Wohnung zur Verfügung. Doch Doro kommt Axel auf die Fersen und findet ihn groteskerweise regungslos und nackt auf dem Wohnzimmertisch sitzend. Elke hatte auf diesem zuvor ein Zuchtbullen-Spray zur Steigerung des Geschlechtertriebes angewendet, der ihn jedoch zur völligen Regungslosigkeit versetzte. Im selben Moment beginnen bei Doro die Wehen und Norbert bringt sie ins Krankenhaus. Am nächsten Morgen wird die frischgebackene Mutter von Axel besucht, den sie jedoch zurückweist. Es bleibt offen, ob Doro Axel verzeiht. 

 
Liest man sich diese Inhaltsangabe durch, so könnte man behaupten, dass es in dieser Komödie um eine typische On-Off Beziehung handelt, die durch den untreuen Axel an keine feste Gebundenheit herankommt, auch nicht durch die Heirat. Demnach ist sowohl das Thema, als auch die Darstellung von Axel und Doro bekannte Typisierungen. Ein groteskes Gegenstück zu Axel stellt Norbert und seine Umgebung dar. Norbert und sein enger Freund Walter sind homosexuell und verbringen ihre Freizeit auf Partys, die sie als Frauen verkleidet besuchen. Vor allem Norbert fühlt sich von Axel angezogen, aber er leidet darunter, dass Axel heterosexuell ist und kein Interesse an ihm zeigt. Trotzdem stellt er sich stets als Stütze und Hilfe für ihn dar, sodass bald Axel in Norbert einen treuen Freund findet. Es ist auffällig, dass die Homosexualität in dem Film als ein völlig normaler und dazugehöriger Teil der Gesellschaft dargestellt wird: Walter besucht eine Männergruppe, Norbert hat einen normalen Job und wohnt in einer relativ guten Wohnung, die Männer tragen normale Klamotten, gehen ins Kino etc. Ich denke, dass dieser Umstand besonders im Titel wiedergegeben wird. Meiner Meinung nach deutet der Titel „Der bewegte Mann“ auf Axel. Axel ist derjenige, der sich völlig unbeirrt und ungehemmt zwischen den homosexuellen Männern bewegt. Durch das stete Hin- und Hergehen zwischen der homosexuell und der heterosexuell geprägten Umgebung bringt er erst die Normalität der Homosexualität zum Ausdruck. Sein Befinden in der schwulen Männer-Gruppe verursacht jedoch die Bewegung eines weiteren Mannes. So  kann ich auch Norbert als den „bewegten Mann“ bezeichnen, da er als einziger im Film charakteristisch ist. Er ist ein sehr emotionaler, Empathie empfindender und menschlicher Mann, dessen Gefühle einsehbar und Handlungen nachvollziehbar sind. Im Gegensatz zu ihm ist Axel sehr vereinfacht und in seinem Charakter oberflächlich dargestellt. Ich finde, dass dieser Kontrast wiederum die Harmonie zwischen Homosexualität und Heterosexualität aufhebt. Die besondere Fixierung auf den schwulen Norbert, das Befinden Axels als Einziger in der schwulen Gruppe und die mehrfache Ablehnung dieser durch Doro (Schrank-Szene; Hochzeits-Szene; Wehen-Szene) deuten auf die Abgrenzung zu einer Fremdgruppe. Zwar hebt Doro diesen Gedanken später auf, doch ist es nicht außer Acht zu lassen, dass die Abweichung von Anderen auf die Etablierung einer Norm beabsichtigt. Demnach gibt es auch Züge im Film, in denen man die Dominanz der Heteronormativität erkennt. Die letztendliche Komik mag womöglich im letzten Abschnitt des Filmes liegen. Nachdem Axel von Doro aus dem Krankenzimmer gewiesen wird, findet er Trost bei Norbert. Die beiden Männer laufen nebeneinander und miteinander scherzend den Flur entlang. Sie entfernen sich vom Krankenhaus, da sie gemeinsam frühstücken möchten. Dieses Ende ist an sich nicht witzig, aber es befindet sich eine gewisse Ironie darin. Das Weglaufen der beiden Männer deutet hier wieder auf den Titel „Der bewegte Mann“. Axel entfernt sich dabei an der Seite von Norbert von Doro und seinem Sohn. Das wirkt wie eine Abwendung zu seiner Familie und eine Hinwendung zur Homosexualität. Aus dem Dialog der beiden Männer kann man erfassen, dass dies nicht der Fall ist, wodurch die Ironie zum Vorschein tritt. Ich denke es steckt die Polemik dahinter, die meint, dass Homo- und Heterosexualität in der Gesellschaft sehr gut nebeneinander stehen und miteinander wirken kann.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Blog 8: „Männer“ - Was hätte ich an Stelle von Julius gemacht?




„Männer“ ist ein Film aus dem Jahre 1985 und gilt als eines der ersten erfolgreichen Komödien in Deutschland. Die Hauptfigur ist Julius Armbrust, der seine Frau Paula betrügt, bis er feststellt, dass auch er von ihr betrogen wird. Der Liebhaber seiner Ehefrau ist Stefan. Stefan ist ein Künstler und stellt ein völliges Gegenteil zu Julius, der Manager in einer Verpackungsfirma ist, dar. Um seine Frau wieder für sich zu gewinnen, zieht er getarnt als „Daniel“ in Stefans Wohnung ein. Die beiden Männer werden enge Freunde, doch Julius bleibt seiner Absicht treu und schafft es Stefan von Paula zu trennen. Er schafft es nämlich aus Stefan einen erfolgreichen Designer zu machen, einem Typen, wie er selbst in Realität ist. Die Konsequenz ist nun, dass Stefan kaum noch Zeit für Paula hat und diese sich von ihrem Liebhaber benachteiligt fühlt. Am Ende des Films durchschaut Stefan Julius Hinterhalt. Die beiden Männer streiten in einem Paternoster und beginnen sich bis auf die Unterhosen auszuziehen. Der Film endet, indem wir sehen, wie die beiden Männer lachend nebeneinander in dem Paternoster auf und ab fahren. 
Um meinen Partner zurückzugewinnen, hätte ich nicht dieselbe Maßnahme wie Julius ergriffen. Ich bin der Meinung, dass Julius viel zu emotional und dementsprechend aus dem Affekt heraus gehandelt hat. Julius hätte zunächst in sich gehen und darüber nachdenken müssen, wie sich Paula fühlte, als sie erfuhr, dass er sie mit seiner Sekretärin betrogen hat. Julius, der sich offensichtlich verletzt fühlt, hätte versuchen sollen zu verstehen, warum der Betrug seiner Frau genau dasselbe ist wie sein Betrug. Dann hätte ich an Julius stelle mit meinem Partner gesprochen. Ich hätte versucht diejenigen Konflikte anzusprechen, die bisher womöglich in der Beziehung tabuisiert wurden. Ich hätte wissen wollen, weshalb mein Partner mir fremdgegangen ist, aber ich hätte auch selbst zu erklären versucht, wieso ich meinem Partner fremdgegangen bin. Dann hätte ich versucht abzuwägen, ob die Beziehung zu Stefan etwas Langwieriges für Paula darstellt oder nicht. Denn dann könnte Julius erfahren, ob Paul bereit ist, ihrer Beziehung eine neue Definition zu geben: Freunde bleiben oder von vorne anfangen? Um aber in diese Richtung eine Entscheidung zu treffen, müssen beide Parteien Veränderungen an sich vornehmen. Nur dann kann man annähernd den Erwartungen des Partners entsprechen und weiteren konfliktträchtigen Situationen entgehen. Jedoch erkenne ich bei Julius keine Anstrengung zur Veränderung seiner selbst. Julius flieht und verändert stattdessen jemand anderen, nämlich Stefan. Auffällig ist hierbei, dass Julius aus Stefan genauso einen Erfolgstypen macht, wie er selbst es ist. Denn er weiß ganz genau, dass nur so Unzufriedenheit in der Beziehung zwischen Paula und Stefan auftauchen werden. An dieser Stelle erkennt man, dass Julius sehr wohl weiß, worin der Grund des Scheiterns der Beziehung zu seiner Ehefrau liegt. Bezüglich dies‘ nimmt er sich aber keinerlei Verbesserung vor. 

Der Paternoster, indem sich die beiden Männer zuletzt streiten, symbolisiert Wiederholung oder Wiederkehr. So gilt er zum einen als Symbol für den Fremdgang Paulas an Julius, da dieser sie vorher auch betrogen hat. Zum anderen gilt der Paternoster auch als Symbol für das Für-Sich-Gewinnen Paulas durch Julius, da diese vorher von Stefan erobert wurde. Demnach erleben die Männer jeweils dieselbe Situation nur zu zeitlich unterschiedlichen Räumen. So befinden sie sich am Ende des Filmes in derselben, sich aber stets bewegenden Kabine und ziehen sich aus. Dabei lösen sie sich von ihren Charakterisierungen als Erfolgstypen oder Künstler. Das Lachen der Männer deutet auf eine Versöhnung, jedoch ist es unklar, ob Feinde zu Freunde werden oder alte Freunde wieder zueinander finden. Das Ende ist demnach offen. Es ist nicht deutlich, ob Paula ihre Beziehung zu Julius aufrechterhalten wird. Es sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass Julius Paula ohne eine Veränderung an sich selbst zurückgewonnen hat, sie aber auch aus diesem Grund verloren hatte. Demnach ist es fraglich, ob Paula nicht wieder in Unzufriedenheit gerät. 

Ich denke, dass der Paternoster als Symbol für das ganze Leben steht. Wir erleben Dinge von denen wir uns beschweren, doch führen wir sie selbst aus, dann können wir die Beschwerde des  Anderen nicht verstehen. Wir urteilen über das Verhalten des Anderen und verhalten wir uns ebenso, dann ertragen wir die Kritik nicht. Wir verurteilen eine falsche Handlung eines anderen, handeln dann aber wohlwissend genauso und lernen trotz Konsequenzen nicht daraus. Wie die Männer so enthüllt nebeneinander stehen ist ein Zeichen der Ausweglosigkeit des Menschen aus diesem Kreislauf. Es ist genauso irrational wie das gemeinsame Lachen zweier Gegenspieler.

Blog 7: Was bedeutet der Titel des Films „Am Ende kommen Touristen“?



Ich möchte meine Deutungshypothese für die Frage nach der Bedeutung des Filmtitels auf der Grundlage der Betrachtung der Menschheit im Allgemeinen aufbauen. Der Begriff „Tourist“ im Titel, begrenzt sich in seinem Gehalt nicht auf eine Nation. Demnach sehe ich die Idee des Filmes nicht bloß in Bezug zu der Frage „Ist die Generation in Deutschland für die Taten ihrer Eltern und Großeltern verantwortlich?“ oder „Sind alle Deutschen schuldig für das, was im Holocaust passiert ist?“. Ich möchte es so erklären:
Ein „Tourist“ ist ein Fremder, ein Besucher, ein Reisender oder ein Gast. Touristen reisen nach Ausschwitz, um die Überbleibsel des Vernichtungslagers und die Hinterlassenschaften der Gefangenen zu betrachten. Touristen reisen, um gezielt ihnen fremde Orte und Länder kennenzulernen. Sie bewegen sich gezielt nach Ausschwitz, da der flüchtige Aufenthalt im Vernichtungslager den Zweck ihres Da-Seins als Tourist, als Besucher, als Fremder, der etwas kennenlernen möchte, erfüllt. Demnach möchten die Touristen in Ausschwitz sich bewusst mit dem Vernichtungslager und seinen Hinterlassenschaften konfrontieren und Neues erfahren. Doch sollte an dieser Stelle eine Unterscheidung der Motivation des Besuchs des Vernichtungslagers dargestellt werden. So gibt es die Möglichkeit als Tourist die zurückgeblieben Objekte der vergangenen Grausamkeiten wie in einem Museum zu betrachten. So sieht man die Dinge nur in ihrer eigenen beständigen Bedeutung. Die Bedeutung des Lagers ist die Rolle einer einstigen, zwangshaften Unterkunft für Menschen, die nach einem geordneten System funktionierte. Die Koffer sind Behältnisse zum Tragen von notwendigen Dingen, die die Gefangenen bei sich hatten. Eine andere Betrachtungsweise ist die der Belebung der Vergangenheit durch die Betrachtung des Lagers. Das bedeutet, dass das Lager und die Koffer im Detail im geschichtlichen Kontext gesehen werden.
Man versucht tatsächlich einen Einblick in die Lebensumstände der Gefangenen oder den Auftritt der KZ-Mitarbeiter und Führer zu erhalten. Der Ort und die Gegenstände können in Verbindung zu damaligen Zeitgenossen gesetzt und belebt werden. Dadurch schafft es der Tourist sich Menschen in unterschiedlichen Rollen im Konzentrationslager auszumalen und Empathie zu empfinden. Folgend stellt sich die Frage, ob der Tourist nur an der Betrachtung der Objekte oder an der Erfassung der Demonstration von Geschehnissen durch diese Objekte interessiert ist. Was ist die Bedeutung des Betrachters, der das Lager nach dem Ende des Holocausts besucht?
Betrachtet man die Figuren Klaus, Sven, Ania und Stanislaw im Gesamten, so kann eine Veränderung, vielleicht sogar eine Vergänglichkeit des Menschen erkannt werden. So haben wir Stanislaw als Repräsentant der alten Generation und Zeitzeugen. Ihm folgt die Generation  von Klaus, die sich noch mit der Auseinandersetzung des Dritten Reiches beschäftigt. Ania und Sven stellen diejenige Generation dar, die keinen direkten Bezug zu den Geschehnissen im nationalsozialistischen Staat haben. Die Polin Ania arbeitet jedoch im Vernichtungslager als Führerin und Dolmetscherin. Sven ist ein deutscher Zivi und geht seiner Tätigkeit in einer Jugendherberge in der Nähe von Ausschwitz nach. Zudem kümmert er sich um Stanislaw. Ich möchte mit der Darstellung dieser Generationen darauf deuten, dass während das Lager und die darin enthaltenen Hinterlassenschaften  unveränderlich erhalten geblieben sind, die Menschen eine Veränderlichkeit aufweisen. Und je mehr von der gegenwärtigen Umgebung des Vernichtungslagers zu sehen ist, desto stärker ist es in der Bedeutung beklemmt, die sie für die gegenwärtige Generation trägt. Hiermit möchte ich auf die einzelnen Verhaltensweisen der Figuren deuten. Im Film ist deutlich zu erkennen, dass die jüngeren Bewohner um Ausschwitz herum in ihrer Freizeit auf Konzerte gehen oder Diskotheken besuchen. Für sie ist die Existenz des Vernichtungslagers kein Grund zum Verzicht von Spaß oder Genuss. Das mag womöglich daran liegen, dass sie die Bedeutung des Lagers in Bezug zu ihrer gegenwärtigen Situation nicht deuten können. Es hat keinen direkten Einfluss auf sie und erhält sich nur als ein Punkt in der Vergangenheit. Eine Kontrafigur hierzu stellt Stanislaw dar. Stanislaw lebt im Lager, da er glaubt dort „gebraucht zu werden“. Demnach sieht er noch einen Zweck in seinem Aufenthalt und spricht dem Vernichtungslager eine andere Bedeutung zu wie die Jungen. Dieses wirkt auf ihn weiterhin wie ein voll funktionierendes System, in dem auch er eine Rolle zu erfüllen hat. Im Verlauf des Filmes kann erfasst werden, dass diese Verbindung psychologisch bedingt ist. Denn Stanislaw gibt zu, dass er den Gefangenen versprochen hatte ihnen ihre Koffer zurückzugeben. 

Darin liegt der Grund seines Bestrebens zur Wiederherstellung der teilweise zerstörten Koffer. Während die jüngere Generation die Bedeutung des Lagers bezüglich ihrer gegenwärtigen Lebensumstände nicht eindeutig definieren kann, stellt Stanislaw eine Definitionslosigkeit seiner selbst außerhalb des Lagers dar. Es wirkt als ob das Konzentrationslager und die darin erfahrenen Vorkommnisse nicht ein Punkt in der Vergangenheit sind, sondern ein ewig andauerndes Geschehnis. Die Generation von Klaus stellt nach dieser Ansicht eine Zwischensituation dar. Klaus führt eine Jugendherberge und folgt dem Ziel, der jüngsten Generation Ausschwitz in seinem historischen Kontext und seiner heutigen Wirkung zu präsentieren. Demnach führt er eine gesteuerte Konfrontation herbei. Das Konzentrationslager ist ein Mittel zur Vermittlung von Informationen aus der deutschen Geschichte. Ich bin jedoch der Meinung, dass dadurch ein weiterer Umstand vermittelt wird. Hierzu sollte nochmals die Rolle der Koffer  betrachtet werden. Die Koffer symbolisieren mehrere Aspekte, von denen ich zwei bereits erwähnt habe: Sie stellen die Beständigkeit der Objekte und die Vergänglichkeit der Menschen dar, d.h. ihre Besitzer – die Gefangenen sind verstorben; sie stellen als Zeichen des Reisens den Wandel der Menschen dar, d.h. sie deuten auf die neuaufkommenden Generationen und die Auflösung älterer. Die Generation von Klaus beharrt auf der Restauration, der Wiederherstellung früherer Zustände der Koffer und lehnt jegliche Reparation dieser durch Stanislaw ab. Die restaurierten Koffer sollen nämlich genau dem Zweck dienen, das Da-Sein der Touristen - wie zuvor beschrieben - zu erfüllen. Die heutigen Zeitgenossen sollen die Koffer genau so sehen, wie sie waren, als sie den Gefangenen weggenommen wurden. Denn erst dann ist der Koffer etwas Fremdes für den Touristen und erfüllt seinen Wunsch des Bekundens unbekannter Dinge. Hinterlassenschaften sind demnach in ihrem Gehalt auch veränderlich. Touristen können sich durch die Betrachtung der Koffer tatsächlich das Grauen im Lager ausmalen und dabei Empathie und Ehrfurcht empfinden, die den unbekannten Gesichtern der Gefangenen gilt. Das wiederhergestellte Vernichtungslager und die Koffer demonstrieren etwas Fremdes, das das Gefühl hervorbringt, als ob es nicht möglich wäre, was zu sehen ist, als ob es keine Menschen gewesen wären, die im Lager leben mussten. Diese Ehrfurcht ist aber überflüssig, denn man empfindet sie quasi vor sich selbst, dem wozu der Mensch fähig ist zu schaffen und zu vernichten. 
 
Sven stellt als Deutscher  denjenigen Zeitgenossen dar, der in dem ehemaligen Konzentrationslager Ausschwitz die Geschichte des nationalsozialistischen Reiches bewahrt sieht. Das Vergangene, worüber man doch so gut Bescheid weiß, ist jedoch unbekannt und fremd. Erkennbar ist das an Svens relativem Desinteresse am Konzentrationslager zu Beginn des Films. Erst durch den Kontakt zu Stanislaw und seinen Berichten aus der Zeit dieses Grauens gewinnt er eine neue Ansicht. Vor allem die Unterbrechung Stanislaws Rede zur Einweihung eines Denkmals prägt Svens Erkenntnis über den Verlust der Toleranz für vergangene Beschreibungs- und Definitionsmöglichkeiten  des Konzentrationslagers durch die jüngeren Generationen. Demnach stellt er den Mangel des Menschen zur Erkennung und Betrachtung der Objekte aus der Zeit des nationalsozialistischen Regimes in der heutigen Zeit dar. Es ist nennenswert, dass sich Sven im Moment des Lagerbesuchs ebenfalls in der Rolle eines Touristen befindet. Doch wir unterscheiden ihn wiederum von ihnen. Touristen weisen kein zeitgebundenes Da-Sein vor, doch Sven ist es. Das Lager und die Koffer, die die Touristen betrachten, sind im Kontext ihrer Bedeutungszuschreibung innerhalb der jeweiligen gegenwärtigen Umstände erstarrte Objekte. Trotz der zeitgebundenen Existenz weist Sven dahingegen eine Verknüpfung der Bedeutungszuschreibungen unterschiedlicher Generationen für das Vernichtungslager auf. Dabei kann darauf gedeutet werden, dass Sven am Ende des Films durch seine Rückkehr die Idee der Vermittlung dieser Erkenntnis vorführt. Die jüngste Generation, die durch die Schulklassen repräsentiert werden, soll keine Ehrfurcht vor Ausschwitz haben, stattdessen erkennen, dass es von Seinesgleichen erschaffen wurde. Hierzu ist die Herkunft unbedeutend.
Ich denke der Titel stellt eine Kritik gegenüber dem Begriff des „Tourismus“ dar. Tourismus kann in einer Begegnungsstätte wie Ausschwitz nicht betrieben werden, denn das wäre verantwortungslos. Warum kehre ich, der Mensch, an denjenigen Ort zurück, den ich als Vernichtungslager der Meinesgleichen erstellt habe und staune jetzt noch vor diesem Werk, als ob ich selbst es nicht vollbracht hätte?

Dienstag, 7. Oktober 2014

Blog 6: "Das Leben der Anderen" - Gerd Wiesler schreibt einen Brief an Georg Dreyman



Herr Georg Dreyman,

ich möchte mich bei Ihnen Herr Georg Dreyman vorstellen. Mein Name ist Gerd Wiesler. Ich war MfS-Hauptmann HGW XX/7. 

„Die Sonate des guten Menschen“ widmeten Sie HGW XX/7 „in großer Dankbarkeit“. Ich bedanke mich bei Ihnen. Doch gilt meine Dankbarkeit nicht dieser Widmung. Seien sie nicht enttäuscht, bitte. Sie haben wohl durch die Unterlagen des OV zu ihrer Person erfassen können, dass ich die Berichte manipuliert habe. Ich habe die Beobachtungen und Abhörungen bewusst zu Ihren Gunsten gelenkt. Dafür mögen Sie eine tiefe Dankbarkeit empfinden – das ist menschlich. Ich kann das heute sehr gut verstehen. Doch vergessen Sie nicht, Herr Dreyman, dass ich Sie damals auf Schritt und Tritt überwachte. Wir waren in Ihrer Wohnung. Dort haben wir Wanzen eingebaut und Sie von ihrem Dachboden aus verhört. Wir haben Sie aufgenommen und stets observiert. Wir haben unsere Aufgabe wie üblich sauber erledigt: schnell, präzise, sicher. Ihre Nachbarin haben wir still gestellt. Frau Christa-Maria Sieland haben wir zur Zusammenarbeit gezwungen. Sie haben nichts geahnt, bemerkt oder verspürt. Ich habe Ihnen damals ihre Freiheit genommen, Herr Dreyman. Wie kann HGW XX/7 dann ein guter Mensch sein. HGW XX/7 war ein erfolgreicher Hauptmann, ein staatstreuer Bürger. Aber an erster Stelle hieß „HGW XX/7“-Sein die Funktion der Überwachung von Kunst und Kultur zu erfüllen.
HGW XX/7 ist keine Persönlichkeit. Darum können Sie ihm nicht danken. Ich war HGW XX/7. Und deshalb war ich ein moralisch nicht einwandfreier Mensch. Heute grenze ich die Funktion HGW XX/7 von der Person Gerd Wiesler ab. Heute bin ich ein moralischer und freier Mensch, Herr Dreyman. Das verdanke ich Ihnen. Sie haben mir gelehrt zu observieren. Ihr Verständnis von Kunst und ihre Einstellung zu unserem System haben mir vor Augen geführt, auch den überwachenden Staat prüfend zu beobachten. Ihre Taten zeigten mir die bleiche Liebe, die ich zweifellos anhimmelte. Die Staatstreue, an die ich unbedenklich festhielt, zerriss je länger ich Ihnen nachspürte und je tiefer ich mich in Ihre oppositionellen Gedanken verstrickte.  Der Staat und dessen zuerst so ideal und glaubhafte Gestalt zerfielen immer mehr vor meinen Augen und bildeten Wolken unbegreiflicher Fragen. Und plötzlich war das, worin ich mich als Hauptmann in einer Schlüsselposition befand, ungeheuer fern. Ich war ein Teil dieses Systems und doch war sie nicht fassbar für mich. Und als ich hinaufsah, da ich von Ihnen lernte, in dem Beobachteten auch etwas zu erkennen, da waren diese Wolken nicht mehr da. Das System der Stasi verlor meine Treue, da sie selbst keine zuverlässige Gestalt innehielt. Ich hatte erfahren, dass ich nur als Mittel zum Zweck Einzelner Einsatz fand. Ich wurde betrogen im Glauben als „Schild und Schwert“ für meinen Staat und mein Volk mitzuwirken. Es ist wie im Theater, Herr Dreyman. Der Schauspieler spielt das, was der Autor schreibt. Und sie haben geschrieben, was die Partei wollte. Das Publikum hat das Schauspiel der Partei gesehen, nie das Ihre. Doch ich habe Sie und ihr Werk gesehen, Herr Dreyman. Ich wünschte, die Anderen hätten ebenso diese Möglichkeit. Aus diesem Grund habe ich die Schreibmaschine aus ihrem Versteck entfernt. Herr Dreyman, wenn Sie mich als guten Menschen beurteilen, dann ist das Ihr eigenes Werk. Sie haben mich dazu gemacht. Sie haben mich aus meinem Traum erwachen lassen. Heute schaue ich nicht mehr zurück. HGW XX/7 existiert nicht mehr. Ich habe ihn im Prozess der Konfrontation mit Ihnen verarbeitet.
Sie empfinden große Dankbarkeit und ich empfinde tiefe Schuld. Ist das nicht paradox: ein guter Mensch bittet um Verzeihung. Und doch ist es möglich. Denn der Roman „Die Sonate des guten Menschen“ gibt hierzu eine Antwort. Ich habe geweint, als ich die Sonate zum ersten Mal hörte. Sie spielten es am Klavier kurz nachdem Sie den Tod Jerskas erfuhren. Hätte ich nicht geweint, dann wäre ich kein Mensch gewesen. Ich werde diesen Moment nie vergessen, Herr Dreyman. Sie ist die Brandmarkung meines Wandels zum Verlust meiner Verpflichtung als Mfs-Hauptman und meiner Staatstreue, hin zum Gewinn einer Menschlichkeit, einer Nähe zur Kunst und der Kritikfähigkeit.

In großer Dankbarkeit,

Gerd Wiesler