Donnerstag, 4. Dezember 2014

Blog 13: „Soul Kitchen“ – Die Bedeutung der Beziehungen zwischen den Brüdern Zinos und Illias Kazantsakis



„Soul Kitchen“ ist eine weitere Filmkomödie von Fatih Akin. Der Titel dieses Filmes weist dabei auf das sich in einer alten Fabrikhalle befindende Restaurant des Protagonisten Zinos Kazantsakis. Um zu seiner Freundin nach China ziehen zu können, überlässt Zinos schließlich seinem Bruder Illias das Restaurant. Illias Kazantsakis ist ein Häftling, der durch den ihm zugelassenen Freigang regelmäßig das „Soul Kitchen“ besucht. Um seinen Freigang erweitern zu können, überredet er seinen Bruder dazu, ihn im Restaurant anzustellen, das jedoch nur als Formalität zu belassen, da er physisch nicht tätig sein möchte. Zinos willigt ein. Nachdem Zinos jedoch einen Bandscheibenvorfall erleidet und immer mehr an der Entfernung zu seiner Freundin Nadine leidet, beschließt er das „Soul Kitchen“ zu verpachten. Es ist auffällig, dass Zinos sein Restaurant nicht verkaufen möchte, da er emotional noch ziemlich daran gebunden ist. Er hat die Halle nämlich als Ruine gekauft und mit seinen eigenen Händen wiederaufgebaut und das Restaurant errichtet. Auch auf den Druck des ehemaligen Klassenkameraden Thomas Neumann, das Grundstück ihm zu verkaufen, geht Zinos nicht ein. Schließlich sieht Zinos in Illias die letzte Hoffnung  doch nicht völlig auf sein Restaurant verzichten zu müssen. So macht er seinen Bruder mit allen Vollmachten zum neuen Geschäftsführer des „Soul Kitchen“. 


                                                
Diese Entscheidung erscheint dem Zuschauer absurd, da Illias sich noch in Haftstrafe befindet. Zudem ist Illias nicht zuverlässig. Zum einen pflegt er die Einstellung, nicht tätig sein zu wollen und zum anderen verwickelt er sich in weitere Kriminalität. So lässt er aus einem Club eine Musikanlage für das Restaurant stehlen. Des Weiteren fragt er seinen Bruder wiederholt nach Geld. Und auch nach der Übernahme des „Soul Kitchen“ erweist sich Illias als unfähig. Während einer Pokerpartie mit dem am Grundstück interessierten Thomas Neumann, verliert er 50.000 €, die er ihm auf Anhieb nicht bezahlen kann. Durch die Übergabe des Restaurants beim Notar sieht er schließlich seine Schulden bei Neumann beglichen. Zinos ist über diesen Umstand entsetzt und begibt sich mit Illias und seinen Freunden in den Raub der Dokumente aus dem Notariat, um sie zu vernichten. Es ist auffällig, dass Zinos seinem Bruder gegenüber keine Abneigung empfindet, stattdessen ein weiteres Mal eine gemeinsame Tat motiviert. Hiermit ist gemeint, dass Zinos nicht Illias allein für den Verlust über das Restaurant verantwortlich macht. Hierfür können mehrere Gründe vorgelegt werden. 

 Zum einen kennt er seinen Bruder mit allen seinen Schwächen zu gut und zum anderen überführt ihn seine Liebe zum „Soul Kitchen“ zu einem zielgerichteten Denken. So zielt Zinos nur daraufhin sein Restaurant zurück zu erhalten. Im Gegensatz zu Illias handelt Zinos meist aus dem Affekt und gefühlsgeleitet. So will er sein Geschäft aufgeben, um seiner Liebe Nadine folgen zu können. Um die Existenz seines Restaurants jedoch nicht zu gefährden, überschreibt er ihn seinem unfähigen Bruder und um den Fehltritt des Bruders rückgängig zu machen wird er fast selbst zum Kriminellen. Dabei ist es bemerkenswert, dass Zinos seinem Bruder nie wirklich Vorwürfe macht. Aber Zinos hält sich gedanklich nicht zu sehr mit dem falschen Verhalten seines Bruders auf, da es andere Prioritäten wie seine Freundin und das Restaurant in seinem Leben gibt, an die er denken und um die er sich kümmern muss. Den Tätigkeiten und den Verhaltensweisen seines Bruders begegnet er entweder aufbrausend oder zeigt gar keine Reaktion. Ein Beispiel für die aufbrausende Reaktion: Zuerst möchte er die gestohlene Musikanlage nicht in seinem Restaurant haben, doch nach wenigen Minuten steht die Anlage funktionstüchtig in seinem Geschäft. Das nächste Beispiel: Dem Scheitern Illias als Geschäftsführer begegnet er mit Stummheit. Die beiden befinden sich nach dem Brand in Zinos Wohnung in einer Pension und während Illias wegen seines Schuldbewusstseins weint und seinen Bruder Zinos um Vergebung bittet, bleibt dieser stumm und trinkt eine Flasche eines alkoholischen Getränkes aus.


Im Allgemeinen verhält sich Zinos immer sehr verantwortlich für Illias. Nach dem Raub der Dokumente beim Notar wird Zinos von der Polizei erfasst. Kurz vorher überredet er Illias dazu, davon zu rennen, da er nicht möchte, dass dieser auch erfasst wird. Bemerkenswert ist der Umstand, dass sich Illias selbst mit der Aussage „Ich gehöre dazu“ der Polizei stellt. Damit beweist er, dass er seinen Bruder nicht im Stich lässt. Illias mag in geschäftlichen Angelegenheiten versagt haben, doch als Bruder will er nicht versagen. Es ist erkennbar, dass Zinos seinen Bruder Illias stets so akzeptiert wie er ist und seine Verhaltensweisen auch stets reflektierend auf sich selbst beurteilt. Und Illias nutzt das starke Glied dieser Brüderschaft nicht bloß zu eigenen Zwecken aus. Beide haben das Bewusstsein, dass die Verbindung zueinander und die Lieben zueinander immer einen höheren Wert hat als um sich stets gegeneinander zu beurteilen und zu verurteilen. Im Film wird diese Bruderliebe oft gezeigt. Man kann einige Male Zinos und Illias sich umarmen sehen. Besonders prägend ist die Szene, in der die beiden Männer gemeinsam auf griechischer Musik tanzen. Sie sind Arm in Arm, lachen und teilen ihre Freude. Der gemeinsame, Folklore-Tanz ist der Ausdruck ihrer Herkunft, ihres gemeinsamen Ursprungs und stellt somit ihre Verbundenheit als Brüder dar.

Blog 12: „Die fetten Jahre sind vorbei“ – Zettel an der Wand: Manche Menschen ändern sich nie.




 

Der Zettel mit der Aufschrift „Manche Menschen ändern sich nie“ erscheint in der letzten Szene des Films „Die fetten Jahre sind vorbei“. Er hängt an einer kahlen Wand der leergeräumten Wohnung von Peter und Jan, die gerade von einem Polizei-Sonderkommando gestürmt wurde. Bei dem Zettel handelt es sich sowohl um eine Nachricht als auch um eine Warnung. Es ist deutlich erkennbar, dass der Inhalt des Zettels auf eine Ansprache des Lesers zielt. Im engeren Sinne gilt die Nachricht für Hardenberg und im weiten Sinne gilt sie der Elite, in der sich Hardenberg  bewegt. In Betracht der vergangenen Geschehnisse können wir sicher davon ausgehen, dass der Zettel von den drei Freunden Jan, Peter und Jule verfasst wurde. Hardenberg und Jule hatten sich bereits durch einen Autounfall kennengelernt, bei welchem sich Jule als Schuldige dem reichen Geschäftsmann verschuldete. Sie steht dadurch in tiefen finanziellen Nöten und muss sogar ihre Wohnung aufgeben. Als Jule jedoch  bei der Fahrt durch eine Vorstadt von Jan über die nächtlichen Pläne und Vorgänge mit Peter erfährt, beschließt sie Rache an Hardenberg zu nehmen. Die beiden jungen Leute begeben sich auf Hardenbergs Grundstück, das sich zufällig in derselben Gegend befindet und brechen in die Villa ein. Der Methode von Peter und Jan entsprechend verrücken sie Möbel, hinterlassen eine Nachricht und verlassen die Villa ohne einen Raub durchzuführen. Peter und Jan hinterlassen stets die Nachricht „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Sie haben zu viel Geld“ und fügen die Kennzeichnung „Die Erziehungsberechtigten“ hinzu. Ihre Absicht gilt dabei dem Ausdruck ihrer Präsenz und ihres Widerstandes gegen das kapitalistische System. So wollen sie den Vermögenden Angst einflößen und das Gewissen jedes dieser Einzelnen  ansprechen. Jule und Jan müssen sich jedoch ein weiteres Mal in die Villa begeben, um Jules Telefon zu suchen. Sie werden von Hardenberg erwischt, der wiederum von den beiden überwältigt wird. Schließlich eilt Peter zur Hilfe und die drei entführen den Geschäftsmann in die Schweiz, wo Jules Onkel eine Hütte besitzt.  Nach kurzer Zeit erfahren sie, dass Hardenberg zur APO-Generation in den 1968ern gehörte und ein Freund Dutschkes war. Er gesteht sich jedoch ein, sich mit der Zeit immer mehr dem vorherrschenden System angepasst zu haben. Daher könne er den Idealismus der drei Freunde verstehen, ihre Methode hierfür aber nicht als angemessen empfinden. Man könnte behaupten, dass Hardenberg zu diesem Zeitpunkt sehr sympathisch wirkt. In einigen Szenen wirkt er zudem nachdenklich, sodass dem Zuschauer der Gedanke aufkommt, dass die drei Freunde womöglich etwas in ihm bewegt haben. Schließlich vergewissert er ihnen, sie nicht bei der Polizei anzuzeigen und Jules Schulden zu streichen. 


 Diese Annahme wird jedoch mit der letzten Szene aufgelöst. Hardenberg hat doch die Polizei verständigt. Peter, Jan und Jule schienen sich über dies bewusst gewesen zu sein, weshalb ihre Flucht aus der Wohnung erklärt werden könnte. Jedoch bestätigt die Aufschrift an der Wand das Fortbestehen und die Präsenz der „Erziehungsberechtigten“. So könnte man auch darauf deuten, dass sie sich nie verändern bzw. nicht verändern werden. Somit erklären sie den Halt an ihre Ideale und ihr Fortbestehen. Es bleibt offen, ob sie dieselben Methoden anwenden werden oder ihren Widerstand auf anderen Wegen fortführen wollen. „Manche Menschen ändern sich nie“ kann wie oben erwähnt auch auf Hardenberg bezogen werden. Demnach wird er als derjenige bezeichnet, der nicht auf seinen Reichtum verzichtet bzw. verzichten wird. Er war derjenige, der sich von der 68er-Bewegung und seinen Idealen löste. Man könnte behaupten, dass er seinen Idealen nicht treu blieb oder nie wirklich von ihnen überzeugt war. Ich denke für Hardenberg spielt „Bequemlichkeit“ eine wichtige Rolle. Sein Reichtum schenkt ihm Bequemlichkeit, die für Außenstehende unantastbar ist. Das wird jedoch durch den Einbruch in seinen privaten Wohnsitz gestört und die Unantastbarkeit gebrochen. Da er aber wie Jule es sagt, ein „Alpha-Männchen“ ist und mehrmals die Ablehnung ihrer Methode geäußert hat, versuchte er durch den Einsatz der Polizisten seine Unantastbarkeit weiterhin zu behaupten. Indem Hardenberg sie anzeigt, beweist er, dass die Elite keine Bereitschaft zur Veränderung trägt. Solange sie sich nicht verändert, verändern sich auch Jule, Jan und Peter nicht. So gelten ihr Verschwinden und die Ungewissheit über nächste Taten als passiver Widerstand.